Initiative Artenkenntnis

Das Problem:
Wir kennen die Natur vor der Haustüre nicht. Wir wissen es alle: Lebensräume werden zerstört, Arten sterben aus.
Neben vielen Tier- und Pflanzenarten drohen aber auch die Fachleute auszusterben, die diesen Verlust und damit dessen Auswirkungen auf das ökologische Gefüge benennen können. Daher hat der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV) die „Initiative Artenkenntnis“ angestoßen.

Youth in Nature – Jugendliche lernen Tiere, Pflanzen und Pilze kennen.
Dies ist ein Projekt der „Initiative Artenkenntnis“. Es richtet sich in erster Linie an junge Menschen, die unsere Tier- Pflanzen- und Pilzarten fundiert kennenlernen möchten:
direkt vor der Haustür, im Wäldchen, auf der Wiese, sogar im Stadtpark und auf dem Schulweg. Wer mehr Arten kennenlernen möchte als Amsel, Drossel, Fink und Star oder Gras, Blume und Baum, sondern auch wissen will, ein Ameisenlöwe oder ein Haselblattroller ist, dann bitte
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Schirmherr der Initiative Artenkenntnis ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

„Unser Ziel ist es, Menschen an die Artenvielfalt heranzuführen und die Ausbildung in diesem grundlegendsten Bereich der Biologie und der Ökologie endlich wieder zu verbessern – vom Kindergarten bis zur Universität“, sagt der LNV-Vorsitzende Dr. Gerhard Bronner. Dazu formt der LNV ein breites Netzwerk, betreibt Lobbyarbeit und startet eigene Projekte wie das Jugendprojekt „Youth in Nature“.
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Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Grußwort des Ministerpräsidenten

Die Natur mit ihrer Flora und Fauna ist unsere Lebensgrundlage. Auch in unserer hochtechnisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist die biologische Vielfalt Grundlage für unsere Ernährungssicherung, von weitreichender Bedeutung für ...
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Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat die Schirmherrschaft für die Initiative Artenkenntnis übernommen.

Planungsbüros und Behörden suchen händeringend Artenkenner*innen

Wer sich bei Planungsbüros und in der Naturschutzverwaltung erkundigt, wie gut sie ihren Bedarf an neuen Mitarbeitenden mit fundierten Artenkenntnissen decken können, erhält meist ähnliche Antworten: Schwierig. „Es gibt leider keine umfassende Untersuchung zum Niedergang der Taxonomie in Baden-Württemberg – noch nicht. Mit unserer Initiative wollen wir das ändern“, sagt LNV-Chef Bronner. „Aber was wir heute schon wissen, ist alarmierend.“ Taxonomie ist die Lehre von der Klassifizierung der Arten.

Bereits 2016 hatte der LNV eine Umfrage unter Planer*innen und in den Naturschutzbehörden gestartet. Weitere Abfragen erfolgten 2020 und 2021. Das Ergebnis auch hier: Qualifizierte Bewerber*innen mit Arten- und Kartierkenntnissen sowie landschaftsplanerischen Fähigkeiten sind in Baden-Württemberg selten (zu den Ergebnissen) . Deutschlandweit sieht es nicht besser aus.

Ein Fünftel weniger Artenkenner*innen als vor 20 Jahren

Wer in Zeiten des Insektensterbens etwa nach Käfer-Fachleuten sucht, muss geduldig sein. Spezialist*innen gibt es nur für rund die Hälfte der heimischen Käferfamilien. Lediglich rund 20 Personen in Deutschland erkennen alle 550 Arten von Laufkäfern. Viele davon sind betagte Senior*innen. Stechmücken können nur von einem guten Dutzend Personen bis auf Artniveau bestimmt werden. Insgesamt ergab eine Befragung, dass in den vergangenen 20 Jahren die Gruppe der Artenkenner*innen um 21 Prozent geschrumpft ist.

Professor Dr. Albert Reif beklagt das Fehlen von Artenkenntnis

„Die Taxonomie droht zu einer Art Geheimwissenschaft zu werden“, warnt auch Professor Dr. Albert Reif, der ehemalige Leiter der Professur für Standorts- und Vegetationskunde der Universität Freiburg, der die Initiative für den LNV koordiniert. „Ohne fundiertes Artenwissen ist es jedoch nicht möglich, Bauprojekte rechtssicher zu planen und Schutzgebiete zu entwickeln. Der gesamte Schutz der Biodiversität ist infrage gestellt.“ Die meisten Hochschulen haben in den vergangenen Jahren den Bereich Taxonomie heruntergefahren und Stellen abgebaut. Stattdessen konzentrieren sie sich auf neuere und prestigeträchtigere Themenfelder, etwa Genetik und Mikrobiologie. Die Folge: Auch an den Hochschulen selbst mangelt es oft an Artenwissen.

Wissenserosion auf breiter Front

Doch nicht nur an der Spitze gibt es eine Wissenserosion. Auch in der Breite beobachten Naturschutzverbände, dass selbst häufige Tier- und Pflanzenarten nicht mehr erkannt werden. „Dabei haben nach wie vor viele Kinder und Jugendliche ein großes Interesse an der Natur“, sagt Bronner. „Wenn sich allerdings Eltern und Lehrer selbst nicht auskennen, können sie auch nichts weitergeben.“ Daher ist eine der Kernforderungen der Initiative, dass das Wissen um die Arten in der Ausbildung von Lehrkräften wieder mehr Raum erhält.
„Es kann nicht sein, dass die Schüler im Bio-Unterricht zwar den Zitronensäurezyklus auswendig lernen, aber nicht, wie man einen Spatz von einem Buchfink unterscheidet. Das ist nach wie vor das unverzichtbare Einmaleins der Ökologie“, sagt Bronner. Dafür bedürfe es auch einer Änderung der Bildungspläne. „Wie man in Mathe nicht am Dreisatz vorbeikommt, darf man in Bio nicht ohne grundlegendes Artenwissen bleiben.“

Vorhaben der „Initiative Artenkenntnis“

Konkret hat sich der LNV mit der „Initiative Artenkenntnis“ zum Ziel gesetzt, das Artenwissen in einem breiten Netzwerk voranzubringen. Auf der Agenda steht unter anderem eine intensive Lobbyarbeit: Hochschulen sollen der klassischen Biologie wieder mehr Raum einräumen, etwa mit Bestimmungsübungen und entsprechenden Professuren. In der Lehrer*innen-Fortbildung sollen Artenkenntnisse vermittelt werden. Eine neue Informationsplattform soll zukünftig die Bildungsangebote zum Artenwissen bündeln und so für alle Interessierten zugänglich machen.

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Hintergrundpapier zur Initiative Artenkenntnis
10-Punkte-Programm zur Förderung der Artenkenntnis